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Pilgertagebuch von Gerald Bretfeld - Via Francigena |
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Gerald Bretfeld - Der Weg ist das
Ziel- 05.02.2008
Gerald Bretfeld möchte Sie mit seinem
Tagebuch teilhaben lassen an der herrlichen Natur, den kulturellen
Gegebenheiten und den durchwegs positiven Erlebnissen und Erfahrungen auf
dieser Pilgerreise durch die schönen Landstriche von Toskana und Latium.
Ein sehr ausführlicher und professioneller Pilgerbericht für den sich Eurovia besonders bedankt.
La Via
Francigena in Toscana e Lazio- Reisebericht
Im Mai 2007
Reisebericht mit Fotos>>
Einführung
Besonders zu Beginn des 2. Jahrtausends zog eine Vielzahl von Pilgern „auf
der Suche nach dem verlorenen Paradies" durch Europa. Hierbei hatten diese
Menschen auf Wanderschaft drei Anziehungspunkte:
·
Das Heilige Land mit dem Berg
Golgatha in Jerusalem, wo man die Orte von Christi Leidensweg aufsuchte;
·
Rom als Ort des Martyriums der
Heiligen Petrus und Paulus, den Begründern der christlichen Kirchengemeinde;
·
Santiago de Compostela in Spanien am äußersten
Ende Westeuropas, das der Apostel Jakob der Ältere der Legende nach sich zur
letzten Ruhestätte gewählt hatte.
Und so
verwandelte sich Europa in ein Netz von Wegen, Pfaden und Straßen, deren Ziel-
und Ausgangspunkt die vorgenannten Wallfahrtsorte waren.
Von 638 n.Chr.
an, dem Jahr der Eroberung Jerusalems durch den arabischen Kalifen Omar, wurde
Rom mit den Gräbern der Apostel Petrus und Paulus das zweite Jerusalem,
als Alternative zum kaum noch möglichen
Reisen der europäischen Christen ins Heilige Land. Die Via Francigena, zu
Deutsch „Frankenweg", war bis zur Reformation ein geschichtsträchtiger und für
die damalige Wirtschaftsentwicklung in den betroffenen Regionen, bedeutender
Weg. Heute lässt sich diese Strecke mithilfe eines Dokuments rekonstruieren,
das Sigericus, der Erzbischof von Canterbury, 994 nach seiner Rückkehr aus Rom
abfasste, wobei es sich um ein Tagebuch der verschiedenen Reiseetappen handelt.
Der von den
Westalpen und den Regionen am Rhein führende Frankenweg nach Rom, ist tatsächlich ein bereits seit dem frühen
Mittelalter bestehender Pilgerweg. Dennoch ist Rom in unserer Zeit als Ziel von
Wallfahrten zu Fuß oder mit dem Rad nicht mit Santiago zu vergleichen. Es gibt
fast keine diesbezügliche Tradition mehr. Man wird in Italien als Rad-Wanderer wie ein Exot
betrachtet. „Warum machst du dir die Mühe und fährst nicht mit dem Auto oder
der Bahn - bist du so arm?" Mit solchen oder ähnlichen Fragen muss man als
Rompilger rechnen. Es gibt auch noch nicht die Infrastruktur wie auf dem
Camino. Die Pilgerherbergen sind dünn gesät und nur manchmal gibt es eine
Ausschilderung des Frankenweges.
Bei uns in Deutschland beginnt der
Frankenweg nur allmählich wieder bekannt
zu werden. Umso reizvoller war es für den Autor und seine Frau, ein Stück des
älteren der beiden großen Pilgerwege in Europa im Mai 2007 mit dem Fahrrad zu
entdecken. Beide haben gezeigt, dass man auch in heutiger ruheloser Zeit seinem
Herzen und seiner Seele gut tuend und kulturell aufgeschlossen sowie seiner sportlichen
Neigung entsprechend - dabei ökologisch unbedenklich - reisen kann.
Gerald Bretfeld möchte Sie mit seinem
Tagebuch teilhaben lassen an der herrlichen Natur, den kulturellen
Gegebenheiten und den durchwegs positiven Erlebnissen und Erfahrungen auf
dieser Pilgerreise durch die schönen Landstriche von Toskana und Latium.
Der Weg ist das
Ziel
1.Tag: Florenz - Montespertoli (40 km)
Nach einer verhältnismäßig ruhigen Nacht
im Zug kommen wir um 9.05 Uhr in Florenz an. Eine Frau aus Schleswig-Holstein
im mittleren Alter teilte mit uns das Liegewagenabteil bis Bologna. Danach
hatten wir das Abteil für uns. Vor unserer Ankunft in der Stadt der Medici gab
es zum Frühstück unsere mitgebrachten Wurstsemmeln und Kaffee von der
Zugbegleiterin. Bereits am Bahnhof holt sich Ursel im dortigen Informationsbüro
den ersten Stempel für den Pilgerausweis. So ist der Beginn unserer Pilgerreise dokumentiert.
Bei strahlendem Sonnenschein verlassen wir den Bahnhof. Am Tag zuvor ging eine
dreiwöchige Schlechtwetterperiode über der Toskana zu Ende. Auf unserem Weg
durch die Innenstadt geht es vorbei am Dom-Komplex mit seinem wunderschönen
oktogonalen Baptisteriums in Form eines Zentralbaues, über die Piazza della
Signoria mit dem Palazzo Vecchio und der Loggia dei Lanzi, durch die
Uffizien-Gasse und über die Ponte Vecchio hinauf zur Piazzale Michelangelo.
Blick von der Piazzale Michelangelo auf Florenz
Hier genießen wir erst einmal den Blick auf die Stadt, die Brücken des Arno
und die Hügel von Fiesole. Im nahe gelegenen Franziskaner-Kloster San
Salvatore al Monte lassen wir uns den 2. Stempel in den Pilgerpass
eintragen, was wir zuvor schon in der weit berühmteren, wohl ältesten Kirche San Miniato ergebnislos versucht hatten.
Nach einem
nochmaligen Blick auf die Stadt setzten wir uns aufs Rad und fahren bei
schönstem Wetter die schöne, mit alten Alleebäumen begrenzte Viale Galileo
Galilei entlang in Richtung Galuzzo. Dort im Vorstadtgetümmel angekommen,
fragen wir zwei Rennrad fahrende Italiener in unserem Alter nach dem
weiteren Weg nach Chiesanuova.
Kurzerhand entschließen sich die beiden freundlichen Rennrad-Fahrer uns
vorauszufahren. Sie begleiten uns um viele Ecken bzw. Kurven die graue, wenig
einladende Vorstadt hinaus. Vor einem
steilen, etwa 7 km langen Aufstieg trennen sich dann unsere Wege. Nach
mühevoller schweißtreibender Arbeit erreichen wir mittags die Passhöhe. An einem fliegenden Stand in Form eines alten
umgebauten Busses leisten wir uns bei kühlem Mineralwasser und einem Pizza-Brot
eine Stunde Pause. In einem Straßen-Cafe in Chiesanuova, das von der Passhöhe
nicht weit entfernt liegt, gibt es noch für jeden von uns einen Cappuccino.
Die erste Pause auf der Passhöhe vor Chiesanuova
Nach einer landschaftlich schönen, ca. 6 km langen Abfahrt erreichen wir
Cerbáia. Aber dann, oh Schreck, geht es gleich wieder 5 km bergauf, wo
Ursel - wir sind fast schon oben - eine
längere Pause beansprucht. Am Eingang einer toskanischen Villa finden wir ein
schönes schattiges Plätzchen zum verweilen.
Über Montagnana - ein schöner luftiger Ort auf der Höhe - fahren wir wieder
flott bergab nach Bacciano, vorbei an einem hübschen Restaurante und nochmals
3,5 km bergauf zum Städtchen Montespértoli.
Hier, in der „Città del Vino", wie sich die Kleinstadt nennt, finden wir an der
schattigen Piazza del Popolo ein schönes Quartier im Albergo „Gabry". Nach
körperlicher Erholung und Reinigung, Trikotwaschung, kleinen Bummel im
Sonntagsgewühl durch die Gassen und Abendessen in einer Pizzeria an der Piazza,
geht unser 1.Tag zu Ende.
Fazit des Tages: Ursel hat sich sehr tapfer geschlagen!
2. Tag: Montespértoli - Certaldo - San Gimignano - Le
Grazie (45 km)
Mit einem italienischen Frühstück (Cappuccino und Croissant) um 7.00 Uhr im
Cafe unterhalb unserer Pension, beginnen wir den neuen Tag. Nur eine halbe
Stunde später sitzen wir wieder auf unserem „Drahtesel" und fahren zuerst über
einen langgezogenen Bergrücken relativ eben, dann immer leicht abwärts - insgesamt 18 km weit - hinab ins Tal des
Elsa-Flusses zur schmucklosen Unterstadt von Certaldo. Ca. 60 Meter
oberhalb erstrahlt die mittelalterliche Oberstadt, das sogenannte Castello, im
Rot der Ziegelmauern. Nach der Trockenlegung des Val d'Elsa wurde die alte
Frankenstraße, wichtigster Handels- und Pilgerweg jener Zeit, aus den westlich
verlaufenden Hügeln in das bequeme Tal verlegt. Certaldo blühte auf, und das in
den nahen Bergen gelegene San Gimignano, einst wichtiger Handelspunkt auf der
Via Francigena, geriet ins Abseits.
Wir lassen die Altstadt links liegen und
streben unser nächstes Ziel San
Gimignano an. Und wieder geht es
nicht enden wollend ganze 12 km nur
bergauf. Endlich in San Gimignano angekommen, will sich Ursel vom zu viel
mitgeschleppten Ballast befreien. Im Postamt kauft sie sich einen Karton (3 €),
packt ihn voll mit ihrer Regenbekleidung und entbehrlichen Dingen und stellt
sich in die lange Reihe der Wartenden vor dem Schalter an. Nach einer ¾ Stunde
Wartezeit, dem Ausfüllen vieler Formulare und nach dem Durchreichen des etwa 1
Kg schweren Päckchens am Schalter sowie dem Anbringen diverser Aufkleber und
Poststempel, nennt die Postangestellte schließlich die Portogebühr: „27 Euro". Das ist Ursel zu viel. Sie
schnappt sich das Päckchen und verschwindet aus der Halle. Die arme Angestellte
kann ihr nur noch verdutzt hinterher schauen.
San Gimignano: Die Piazza della Cisterna mit dem Ziehbrunnen von 1346 ist
der Stadtmittelpunkt.
Trotz vieler Touristen zählt San Gimignano zu den Höhepunkten jeder
Toskanareise. Nirgendwo blieb eine mittelalterliche Stadt in solcher Reinkultur
erhalten. Und in keiner anderen Stadt stehen die Wohntürme (15 Stück), in denen
sich die verfeindeten Adelsfamilien verschanzten, so dicht gedrängt. Schon 1348
endete die Geschichte der selbstständigen Republik. In richtiger
Selbsteinschätzung vermied man einen Konflikt mit Florenz und unterwarf sich
der Arno-Metropole. So blieben die Geschlechtertürme unangetastet und wurden
von Florenz nicht wie in anderen, im Kampf unterworfenen Städten geschliffen.
Das endgültige wirtschaftliche Aus kam mit der Verlegung der Frankenstraße ins
Tal der Elsa. So blieb das Gesicht der Stadt über die Jahrhunderte fast
unverändert.
Nach Dombesichtigung (Eintrittsgebühr!) und Stadtbummel (viele Touristen)
finden wir ein verstecktes, ruhiges Plätzchen innerhalb der Stadtmauer mit
schattenspendenden Olivenbäumen und einen Brunnen. Wir genießen die
Mittagspause auf grünem Rasen bei frischem Wasser, Brot, Mortadella und
eingelegten Oliven. Anschließend strecken wir unsere Glieder unter einem
Olivenbaum aus. Die eine Stunde Siesta hat uns gut getan, sodass wir die Kraft
gesammelt haben, San Gimignano durch die Porta San Giovanni in Richtung Santa
Lucia wieder zu verlassen.
Im 2 km
entfernten S. Lucia angekommen, richten wir uns das erste Mal nach dem, eine
Woche vor unserer Abreise neu erschienenen „Outdoor-Reiseführer" und biegen
rechts in einen Feldweg ab, der uns hinab zum angeblich ausgetrockneten
Bachbettführen soll. Abgesehen davon, dass die Piste beim letzten Bauernhof
endet, ist der Bach ein reißender Wildbach. Also den ganzen Weg wieder, die
Räder schiebend den Berg hinauf. Ab da verlass ich mich lieber wieder auf mein
gutes Kartenmaterial. Und siehe da, nur nach wenigen Metern sehen wir erstmals
eine schöne Kachel mit dem Pilger-Symbol an einem Marterl. Also fahren wir
voller Hoffnung den angezeigten Weg entlang, der sich als sehr steil nach unten
führender Schotterweg entpuppt, den wir nur zu Fuß mit angezogenen Bremsen
benutzen können. Unten im Tal angekommen geht ein Weg nach rechts und einer
nach links, aber keine Hinweisschilder oder -zeichen sind mehr zu sehen. Ein
Blick auf unsere Straßenkarte hilft weiter, wir fahren nach links. Im Spitz der
nächsten Straßengabelung nach Poggibonsi bzw. nach Colle di Val d'Elsa steht eine
Bar, in der wir uns zur Entspannung einen Cappuccino leisten.
Der erste Hinweis
auf die Via Francigena
Die gegönnte Rast soll sich bald als richtige Entscheidung erweisen, denn
anschließend geht es wieder steil bergauf. Meine tapfere Ursel schiebt den größten
Teil der 5,5 km langen Strecke.
In Le Grazie angekommen hilft uns eine
mitgeführte Herbergsadresse vom österreichischen Pilgerverein „Euro Via"
weiter. Bei Don Stefano in der Parrocchia
di Santa Maria - ein ehemaliges Pilgerspittel mit Kloster - können wir
Quartier beziehen. Eine ausgiebige Dusche stärkt gleich wieder unser
Wohlbefinden. Als richtige Pilger sehen wir uns in der Pflicht, die Abendmesse
zu besuchen, was uns auch unsere Erwähnung in Don Stefanos Predigt einbringt.
Ganz überraschend werden wir anschließend von Don Stefano zum Abendessen
eingeladen.
Abendessen
bei Don Stefano
Es gibt ein 5 Gänge-Menü: Nudeln, Sparerips, Mozzarella-Klöschen,
Kuchen und Obst, dazu guten eigenen Rotwein, zum Schluss gibt es Sherry und
Espresso. Bekocht und umsorgt werden wir
von einer philippinischen und einer mexikanischen Ordensschwester, wobei eine
klare Hackordnung zu erkennen ist. Leider müssen wir alle aus Plastiktellern
und -bechern essen und trinken.
Unser
Schlafplatz ist in einem restaurierten Saal (ehem. Refektorium) mit alten
Fresken. Auf neuen Matratzen direkt auf
dem Terrakotta-Fußboden lassen wir uns zur Nachtruhe nieder.
Fazit des Tages: Vertraue lieber auf die eigene
Orientierungsfähigkeit und Karte als auf andere Wegbeschreiber.
3. Tag: Le Grazie - Colle di Val d‘Elsa -
Monterigione - Siena
- Buonconvento (70 km)
Unsere Gastgeber sind Langschläfer, deshalb haben sie uns ihre Küche
anvertraut. Die große Küche ist ganz modern mit Edelstahlmöbeln eingerichtet.
Nur eben das Porzellangeschirr fehlt. Das Frühstück hatten die Schwestern noch
am Vorabend hergerichtet. Aus einem riesengroßen Espresso-Automaten holen wir
uns den Kaffee und lassen uns unter der Arkade des ehemaligen Kreuzganges zum
Frühstücken nieder. Gegen 8.00 Uhr verlassen
wir das gastfreundliche Haus und fahren nach Colle di Val d'Elsa, das nur 2 km entfernt liegt. Wir gelangen, vom
Westen kommend, in die wunderschöne,
mittelalterliche Oberstadt, die fast 100 Meter höher auf einem Hügel
über der hektischen, uninteressanten Unterstadt (Colle Bassa) im Tal der Elsa
thront. Ihren Reichtum erlangte die Stadt im Mittelalter durch ihre Wolle- und
Papierindustrie und Druckereien. Bis heute blieb die Glas- und
Kristallherstellung, die sich im 16. Jahrhundert dazu gesellte, eine Stütze
ihres Wohlstands. Von der Unterstadt fahren wir, um nicht auf der Hauptstraße
Richtung Siena fahren zu müssen, zuerst südwärts in Richtung Grosseto, um dann nach Karte in
San Marziale nach links nach Strove und Abbadia Isola abbiegen zu können.
Leider ist durch eine Straßenbaustelle weder Ortsschild noch Abzweigung zu
sehen. Nach 3 km ist immer noch keine geschlossene Bebauung zu sehen, obwohl
der Ort doch nur 2 km von Colle Bassa entfernt sein soll. Ein erneuter Blick
auf die Karte zeigt uns, dass die gesuchte Abzweigung innerhalb der Baustelle,
vor der Brücke sein muss. Also Kommando „zurück" und tatsächlich, hinter
riesigen Baumaschinen finden wir den Abzweig.
Nach 10 km
langer Fahrt durch bezaubernde, hügelige Landschaft mit viel Weinanbau gelangen
wir zur, von Olivengärten umrahmten einstigen Garnisonsstadt Monterigione. Gleich einer Krone umgibt
die 570 Meter lange Befestigungsmauer mit 14 Türmen bestückt den
mittelalterlichen Ort. Dante verglich die Türme in seiner „Göttlichen Komödie"
mit Riesen, die den Höllenpfuhl umstellen. Gebaut wurde die Anlage Anfang des
13. Jahrhunderts von Siena als Vorposten gegen Florenz und zur Sicherung der
mittelalterlichen „Via Francigena.
Um Zeit und Weg zu sparen, nehmen wir gleich den steilen Weg zum nordwestlichen
Stadttor, der Porta San Giovanni, in Angriff. Oben am Tor angelangt, empfängt
uns eine Gruppe Amerikaner, die es offenbar sehr lustig finden, wie wir uns den
Berg hinauf abplagen. Sie fotografieren
und filmen uns, anstatt dass es wenigsten einem der jüngeren Männer einfallen
würde, der armen Ursel beim Schieben zu helfen. So stelle ich meinen Drahtesel
am Tor ab und gehe wieder abwärts um ihr Radl nach oben zu bringen.
Auf der Piazza Roma, mit ihren schlichten Häusern und der romanisch-gotischen
Kirche erholen wir uns von den Strapazen
des Vormittags. Wir begnügen uns auf einer steinernen Bank pilgergerecht mit
Weißbrot, Olivenöl, Salz und Wasser. Danach verlassen wir wieder die Stadt
durch die Porta Roma hinaus zur Via Cassia in Richtung Siena.
Am höchsten Punkt von Siena erhebt sich der gotischen Dom
Santa Maria Assunta
Auf den flachen Kuppen dreier Hügel dehnt sich die Backsteinstadt Siena, umgürtet von einer
kilometerlangen Mauer und überragt vom schlanken, zerbrechlich wirkenden, über
100 Meter hohen Torre del Mangia und dem quergestreiften hellen Dom, dem
Gegenpol zur roten Stadt. Die Geschichte, d.h. ihr Abstieg in der Zeit der
Renaissance, wollte es, dass wir heute das geschlossene Ortsbild einer
mittelalterlichen Großstadt aus der Zeit der Gotik erleben dürfen. Für
Radfahrer ist es angenehm, dass bereits seit 1959 der Autoverkehr aus der
Altstadt verbannt ist.
In der Altstadt angekommen, machen wir erst einmal Pause auf einem, von
Platanen beschatteten Platz an der Stadtmauer. Unser anschließender
einstündiger Rundgang durch die Gassen der Stadt endet auf den in einer Mulde zwischen den drei
Stadthügeln gelegenen unvergleichlich schönen, muschelförmigen Hauptplatz Il Campo, auf dem jedes Jahr am 2. Juli
und am 16. August der berühmte Palio - ein 3 Runden langes Pferderennen der
Stadtteile - stattfindet.
Inzwischen ist uns der
Touristenrummel zu viel geworden, zumal wir bereits früher mehrmals die Stadt
besucht hatten, und wir verlassen Siena wieder in südliche Richtung durch die
Porta Romana.
Eigentlich
planten wir den alten Frankenweg über das in seiner Urform noch gut erkennbare
Etrusker-Städtchen Murlo weiterfahren.
Doch haben wir jetzt keine Lust mehr zum „klettern", zumal wir die Gegend schon
kennen. Deshalb entscheiden wir uns für den leichteren Weg und fahren immer
leicht bergab die Via Cassia (SS 2) in Richtung Rom. Dabei sind wir sehr
angetan vom rücksichtsvollen Verhalten der toskanischen Autofahrer gegenüber
uns Radfahrern.
Nach 15 km zügiger Fahrt leisten wir uns in der Altstadt von Montenori einen Cappuccino und einen Becher Eis.
Von dort gelangen wir nach weiteren 10 km gegen 16 Uhr nach Buonconvento. Das kleine Hotel „Roma"
am Anfang der Altstadt ist leider schon ausgebucht. So müssen wir im zweiten Hotel der Stadt am
anderen Ende, im Hotel „Ghibellino" - ein moderner Bau - Quartier nehmen.
In diesem alten Marktflecken
verstarb am 24.08.1313 Heinrich VII von Luxemburg, seit 1312 Römischer
Kaiser. Begraben wurde er in Pisa. Das südliche Stadttor war 1944 von der
deutschen Wehrmacht bei ihrem Rückzug gesprengt worden.
Am Abend
suchen wir uns eine kleine hübsche Osteria aus. Leider ist das Essen nicht
besonders, dafür aber recht teuer. Überhaupt ist in diesem Ort alles teuer. Im
Hotel erklärte man uns, das liege an der Nähe zu Rom (etwa 200 km!).
Tatsächlich aber können wir später feststellen, je näher wir an die Mauern Roms
kommen, umso billiger wird es für uns.
Fazit des Tages: Das bei uns weit verbreitete
Vorurteil, italienische Autofahrer wären chaotische Fahrer, stimmt in keinster
Weise.
4. Tag: Buonconvento - Montalcino - Sant'Antimo (26
km)
Heute hat für
uns der Tag schon um 6.45 Uhr begonnen.
Mit jedem Tag fällt uns das frühe Aufstehen leichter. Zuerst fahren wir noch
knappe 3 km auf der stark befahrenen Via Cassia, dann können wir rechts in
Richtung Montalcino abbiegen. Schon von weitem grüßt uns die auf einem Hügel
thronende Stadt. Etwa 420 Höhenmeter gilt es zu überwinden. Ich tröste Ursel
damit, dass es heute wohl der letzte große Anstieg auf unserer Tour nach Rom
sein wird, was sich allerdings später als völlig haltlos herausstellen sollte.
8 km Anstieg und mehr als 400 Höhenmeter liegen hinter uns
Wir erkennen eine von karger Landschaft
mit hohen Festungsmauern umgebene Stadt. Schon in etruskischer und
römischer Zeit war der Hügel besiedelt. Im Hochmittelalter war der Ort im
Besitz der nahegelegenen Abtei Sant'Altimo. Später zwischen Florenz und Siena
heftig umstritten, kam die Stadt nach der Schlacht von Montaperti im Jahre 1260
zu Siena. Im Jahre 1559, vier Jahre
später als Siena selbst, musste die wehrhafte Stadt ihre alte toskanische Städtefreiheit aufgeben und
wurde dem Herzogtum Toskana von Cosimo I. de'Medici einverleibt.
Interessant ist die Stadt als Ganzes, weniger ihre einzelnen Bauten. Wir
erholen uns im Park der gut erhaltenen Fortezza (Burg) am höchsten Punkt der
Stadt, streifen durch die Gassen der Altstadt und lassen uns auf der Piazza del
Popolo an einem Tisch im Freien des 1888
eröffneten „Caffè Fiaschetteria" zu einem Drink nieder. Der in unserem
Blickfeld stehende, schlanke Rathausturm erinnert an die enge Verbindung mit
Siena. Ein edler und teurer Rotwein mit
den Namen „Brunello" aus der Rebsorte Sangiovese,
der mindestens vier Jahre im Holzfass reifen muss, hat den Namen Montalcino
weit über die Grenzen Italiens berühmt gemacht.
Weiter geht es
mühelos immer leicht abwärts nach Süden zum Kloster Sant'Antimo.
Abbazia di Sant'Antimo vom Berg Tabor (Gästehaus) aus gesehen
Um das Jahr 800 soll das Kloster von Karl dem Großen gegründet worden sein.
Jedenfalls wird es 813, ein Jahr vor dem Tod des Kaisers, zum ersten Mal in
einer Urkunde erwähnt. Die romanische Klosterkirche mit ein paar baulichen
Überresten der Klosteranlage liegt wunderschön in einer Talmulde, inmitten eines
Olivenhains. Die 1118 begonnene Kirche besticht durch ihre schlichte Eleganz.
Vor etwa zwei Jahrzehnten hat sich in dem seit Ewigkeiten unbewohnten Kloster
eine kleine Gruppe von Mönchen als reguläre Kanoniker, d.h. als Priester und
Ordensbrüder im liturgischen und pastoralen Dienst, hier niedergelassen, die
nach den Regeln des Hl. Augustinus leben. Alle liturgischen Funktionen werden
von ihnen im Gregorianischen Choral gesungen. Es ist eine ursprüngliche
Gebetsform, die einer alten kirchlichen Tradition folgt, wie ich sie das letzte
Mal bei den Mönchen auf Berg Athos in ihren 1000 Jahre alten Klöstern erleben
durfte.
Wir kommen im Kloster am frühen Nachmittag an und finden die Mönche, die
gerade mit dem Mittagessen fertig sind in einem kleinen Haus hinter einem
Platz, der früher von einem Kreuzgang umgeben war. Nach kurzem Warten empfängt
uns ein ehrwürdig wirkender, älterer Mönch in weißer Kutte und befragt uns mit
prüfendem Blick nach unserem Begehren. Nachdem wir ihn über die Ernsthaftigkeit
unseres Tuns als Pilger überzeugt haben, führt uns ein kleiner quirliger Frater
zur sehr gut mit Lebensmitteln und Getränken ausgestatteten Selbstversorger
-Küche und zeigt uns anschließend das abseits, auf dem gegenüber liegenden
Hügel, unterhalb des Dorfes Castelnuovo
dell'Abate gelegene klostereigene Gästehaus mit den Namen „Tabor". Die
Herberge ist vom Kloster aus kaum zu erkennen, da sie in den Hügel hinein
gebaut wurde. Der Hang geht direkt in das Dach über, das mit Grassoden bedeckt
ist. Nachdem wir uns eingerichtet und geduscht haben, gehen wir über einen Bach
und eine Wiese zurück zur Abtei. Als wir uns gerade ein Abendessen zubereiten
wollen, gesellen sich zu uns zwei
Fußpilgerinnen aus Linz, die ihre Wanderung in Villach begonnen hatten. Während
ich den drei Damen meine Kochkunst im Spagetti-Kochen mit selbstkreierter Sauce
vorführe, gibt es viele erlebte Begebenheiten zu erzählen. Die zwei
Österreicherinnen sind offenbar sehr ausgehungert, denn von der riesigen
Schüssel Pasta bleibt keine einzige Nudel übrig.
Vor der Selbstversorger-Küche des Klosters Sant'Antimo
Kurz vor 19.00
Uhr gehen wir alle vier über den mit uralten Olivenbäumen bestückten Vorplatz
in die Kirche zur Vesper. Skulpturen an der Außenseite, Wasserspeier und
Ecksteine in Form von Tierfiguren zeugen vom Alter des Bauwerks. Im Inneren
wirkt auf mich der hohe Kirchenraum mit seinen ornamentalen Säulenkapitellen
und dem lichtspendenden schmalen Fenster in der Apsis sowie die sechs Mönche in
ihren weißen Gewändern, die sich beim Chorgesang immer wieder tief verneigen,
sehr feierlich, fast unwirklich.
Fazit des Tages: Meisterwerke gibt es an vielen
Orten, kleine Paradiese nur hier und da.
5. Tag: Sant'Antimo - Abbadia San Salvatore -
Piancastagnáio (42 km)
Wir fahren sehr früh ohne zu frühstücken los, in der Hoffnung, bald eine
Cafe-Bar zu finden. Oben in Castelnouvo
dell'Abate, die Bar war noch geschlossen, haben wir einen weiten Ausblick nach
Süden zum Monte Amiata.
Er zieht
unsere Blicke auf sich, und die unverkennbare Form eines breiten Kegels lässt
seine Entstehungsgeschichte erahnen. Er gilt dank seiner beherrschenden Höhe
von 1738 Metern in der gesamten südlichen Toskana als unübersehbare Landmarke.
Links und rechts vom M. Amiata sehe ich
einen breiten Höhenzug vor uns liegen, den es wohl zu überwinden gilt und ahne
nichts Gutes. Der Ursel sage ich lieber erst mal nichts, was uns da heute noch
erwarten wird.
Die
nächsten 4 km beginnt die Straße erst
einmal anfänglich sanft, um dann immer steiler und kurviger nach unten zu verlaufen. Im Talgrund geht es bei der
Stazione Monte Amiata in einer
S-Kurve über die Gleise. Weit und breit ist an der Bahnstation keine Bar zu
sehen. So entschließen wir uns auf einer Hausbank eine kurze Essensrast
einzulegen. Tatsächlich dauerte sie nur kurz, da die Hausfrau auf ihren Balkon
über uns beginnt, den durchlässigen Holzfußboden zu reinigen. So schwingen wir
uns wieder auf unsere Drahtesel und mühen uns die nächsten 6 km, die uns wie
eine Ewigkeit vorkommen, steil bergauf, bis wir endlich eine geöffnete Osteria
erreichen. Bei Cappuccino und Kuchen können wir uns etwas ausruhen. Der
große Schäferhund des Hauses bewacht derweil unsere Räder. Gestärkt fahren wir
weitere 9 km bergauf, vorbei an der
kleinen Wallfahrtskirche Madonna della
Querce bis nach Campiglia d'Órcia. Dieser
Ort ist nicht zum Verweilen einladend. So kaufen wir nur Brot und Obst und
fahren weiter, in der Hoffnung, bald einen geeigneten Rastplatz zu finden.
Leider geht es immer noch, nicht enden wollende 7 km bis auf 1035 Meter ü. NN
(!) bergauf. Ursel ist fast am Ende ihrer Kräfte. In einem Garten eines allein
stehenden Hauses beschlagnahmen wir eine steinerne Tischgarnitur und machen
dort ausgiebig Mittagspause. Kein Mensch stört uns, obwohl an der zum trocknen
aufgehängten Wäsche und an offen stehenden Türen erkennbar ist, dass die
Bewohner da sein müssen. Gut gestärkt schaffen wir noch die letzten Höhenmeter
durch ein ausgedehntes Waldgebiet.
Endlich geht es wieder bergab, dann zweigt links die Straße zum Skigebiet
am M. Amiata ab und runter geht's nach Abbadia
San Salvatore. Kurz vor A. S. Salvatore überholen wir unsere beiden am
Vortag kennengelernten österreichischen Fußpilgerinnen. Sie haben geschummelt.
Erst nach entsprechendem Nachbohren
geben sie zu, ein Stück von einer Autofahrerin - angeblich nur 4 km - mitgenommen worden zu sein. Auch wenn sie in der Früh schon eine Stunde
früher losgelaufen sind, hätten sie niemals diesen Vorsprung von 38 km
herauslaufen können.
Da es in A.S.Salvatore noch Nachmittag ist, beschließen wir, nach Piancastagnáio weiterzufahren. Hier
bekommen wir im einzigen Hotel im Ort Unterkunft und ein gutes Abendmenü mit
einer Flasche Rotwein und reichlich Grappa für insgesamt 100 Euro. Wir sitzen
noch nicht lange, da kommen unsere beiden österreichischen Pilgerinnen zur Tür
herein. Sie baten zuerst beim örtlichen Pfarrer um ein Übernachtungsquartier,
der sie aber abwies. Auch unser Wirt wollte sie zuerst wegen angeblicher
Überfüllung nicht aufnehmen, obwohl nach unserer Einschätzung das Hotel niemals
ausgebucht sein konnte. Mit Tränen in den Augen baten sie um Aufnahme. Sie
würden sich mit einer einfachen Schlafstatt zufrieden geben. Schließlich gab er
ihnen zwei Notbetten in der Bügelkammer.
Wir bitten die
beiden Pilgerinnen zu uns an den Tisch. Sie essen nur eine Suppe und trinken
mit von unserem Wein. Trotzdem müssen sie nach unserer Einschätzung zu viel
bezahlen. Es gibt eben, wie überall, schlitzohrige Wirte.
Fazit des Tages: Man muss ab und zu mal seine eigene
Grenze bewusst erreichen.
6. Tag:
Piancastagnáio - Aquapendente -
Bolsena (77 km)
Unser Wirt ist nicht nur ein Schlitzohr, sondern auch noch Spätaufsteher.
Erst ab 9 Uhr bot er uns ein Frühstück an. Obwohl wir es bezahlt hatten, fahren
wir ohne Frühstück bereits um 7.30 Uhr los. Das Wetter ist, wie schon die Tage
zuvor, sehr schön und so entschließen wir uns, nicht den direkten Weg abwärts
nach Acquapendente an der Via Cassia zu nehmen, sondern auf der
hufeisenförmigen Höhenstraße zu bleiben, die über Tre Case (drei Häuser), Pietralunga,
durch das Naturreservat „Pigelleto"
und vorbei am Monte Civitella nach Castell'Azzara, führt. In Tre Casa holen wir erst einmal unser
Frühstück in einer Bar neben einer kleinen Autowerkstatt nach. Wir sind guter
Stimmung, wohl im Bewusstsein, dass wir heute keine großen Steigungen mehr zu
bewältigen haben. So genießen wir den Morgen und beobachten beim Cappuccino das
geschäftige Treiben der Einwohner. Die folgende Fahrt wird ein voller
Naturgenuss und ich muss ganz zwangsläufig an meine Freunde vom Bund
Naturschutz in Sauerlach denken. Die schöne Straße fast ohne Autos, führt durch
hellgrüne Eichen- und Buchenwälder, durchsetzt mit blühenden, wohlduftenden
Akazienbäumen. Zwischen-durch herrliche Ausblicke auf Hänge mit gelb blühenden
Ginster.
Das Städtchen Castell'Azzara schmiegt sich in
erhabener Schönheit in 809 Metern Höhe
an den Osthang des Monte Civitella an. Wir umfahren den Ort, da dieser eine
einzige Baustelle ist, und lassen unsere Räder im flotten Tempo abwärts
durch die von reißenden Bächen
zerklüftete, modellierte Landschaft rauschen. Hinter dem Castell Storzesca
biegen in einen Feld weg ab, wo wir das erste Mal das Gefühl haben, dass wir
uns auf der echten antiken Pilgerstraße „La Via Frincigena" bewegen.
Unterwegs auf der antiken Via Francigena. Im Hintergrund der Basaltkegel
von Radicofani, mit der alles überragenden Burg, von wo aus der Raubritter
Ghino di Tacco im auslaufenden 13. Jahrhundert nur die vorbeiziehenden Reichen
abkassierte und deshalb vom Volk als eine Art Robin Hood verehrt wurde.
Vor Proceno erreichen wir Latium
(Lazio), der letzten Region vor Rom. Sie
ist das historische Kerngebiet der etruskischen Kultur. Die Landschaft ist
geprägt vom Vulkanhügelland mit seinen Kraterseen.
Das
mittelalterliche Proceno mit seinem Kastell, seinem Renaissance-Palast und
seinen romanischen Kirchen thront hoch über dem Tal des Paglia-Flusses und der
SS Cassia. Unten im Tal angelangt, geht es über die mächtige, von Papst Gregor
XIII., zwischen 1578 und 1580 errichtete Brücke Ponte Gregoriano, die während des 2. Weltkrieges teilweise zerstört
wurde. Von dort fahren wir wegen der gleichmäßigeren Steigung 3 km auf der
stark befahrenen SS Cassia bis nach Aquapendente,
das schon in den ältesten Straßen-Verzeichnissen aus römischer Zeit (Itineraren)
als wichtiger Haltepunkt auf der Straße nach Rom erwähnt wird. Die Stadt hatte
auch bedeutende Verbindungen zu den Pilgerzügen ins Heilige Land, was auch der
Umstand, dass die Kathedrale S. Sepolcro am
Ortsausgang an der Porta Romana ursprünglich eine Heiliggrab-Kirche war,
erhärtet ist. Der romanische Charakter der Kirche hat sich vor allem in der
neunschiffigen, säulengestützten Krypta erhalten. Von besonderem Interesse sind
für uns die Kapitelle, an denen pflanzliche Motive und plastisch stark heraus
gemeißelte Tierfiguren sichtbar sind. In der Krypta werden in einer im 9. Jh.
nachgebildeten Imitation des Hl. Grabes von Jerusalem die Reliquien aus der
Prätoriumshalle (Gericht des Pilatus) aufbewahrt.
Die Krypta von Santo Sepolcro mit ihren auf Säulen
gestützten Kreuzgewölben, die den Raum in neun schmale Längsschiffe und drei
Querschiffe teilen.
Am neobarocken Westportal der Kirche treffen wir unsere inzwischen
altbekannten Linzer Pilgerfreundinnen wieder. Es ist heute Freitag, der 18. Mai
und sie wollen unbedingt bis Dienstag in
Rom sein, damit sie Mittwoch früh die Papstaudienz miterleben können. Mit ihnen
gehen wir nochmal zurück in die Sakristei, um uns den Pilgerstempel geben zu
lassen. Anschließend verlassen sie uns gleich wieder und gehen in Richtung
Zentrum, damit sie in der Pilgerherberge noch ein Mittagessen bekommen.
Wir hingegen
fahren auf einer ständig leicht ansteigenden Nebenstraße genau in Richtung
Süden weiter zum Ort Grotte di Castro, der
wohl aus strategischen Gründen auf dem ehemaligen Kraterrand des Lago di
Bolsena von vulkanischem Ursprung angelegt wurde. Ein heftiger böiger Wind aus
Nordosten verleiht uns kräftesparende Schubkraft. Schließlich erreichen wir das
in einer Mulde am Kraterrand gelegene Städtchen San Lorenzo Nuovo, das ganz im aufklärerischen Stil des 18.
Jahrhunderts 1774 von Papst Clemens dem XIV. angelegt wurde. Von dort geht es
hinunter zum See, vorbei an den Ruinen der Burg von San Lorenzo Vecchio, die
wegen ihrer ungesunden Lage die Verlegung im 18. Jh. auslöste, und weiter die
Uferstraße entlang nach Bolsena.
Bolsena liegt am Nordufer des Sees und zeichnet sich durch ein angenehmes
Klima aus. Eine antike Stadt - Volsinii genannt - bestand bereits in etruskischer Zeit. Im
Jahre 265 v. Chr. wurde sie von den Römern zerstört. Sie zwangen die Bewohner
oberhalb des heutigen Bolsena eine neue Stadt zu gründen, wovon heute noch
einzelne Bauwerke, wie Amphitheater, Thermen und Forum zu erkennen sind. Die
mittelalterliche Stadt wurde nicht am Seeufer, sondern an den Hangausläufern
unterhalb der römischen Stadt errichtet.
Wir
durchqueren die Altstadt und kommen am
Ende durch die Porta Romana zur sehr bedeutenden Kirche Santa Christina.
Der Domplatz mit der eleganten Renaissance-Fassade und dem imposanten
Glockenturm aus dem 14. Jh.
Am Platz neben der Kirche Santa Cristina
nehmen uns die Schwestern von Santo
Sacramento sehr freundlich auf und
werden in einem sehr schönen Zimmer mit Dusche im zweiten Stock untergebracht.
Wir besuchen
noch die Vesper und machen anschließend einen Rundgang durch die
hochinteressante Kirche. Sie ist die Kirche der Heiligen Christina, die als
Mädchen am Ende des 3. Jahrhunderts wegen ihrem Bekenntnis zum christlichen
Glauben ein Martyrium erlitt. Die 1007 von Papst Gregor VII. geweihte Kirche
hat ihren ursprünglichen romanischen dreischiffigen Grundriss mit mächtigen, in
der Mitte anschwellenden monolithischen Säulen bewahrt. Die Fassade ist dagegen
das Werk einer Erneuerung durch Kardinal Giuliano de‘ Medici, der päpstlicher
Gouverneur in Bolsena war. An der linken Seite der Kirche schließt eine Kapelle
aus dem 17. Jh. an, die zur Erinnerung an das Wunder von Bolsena errichtet
wurde. Im Jahre 1263 las ein deutschsprachiger Priester aus Prag, der in allen
Dingen glaubenstreu war, aber an der Gegenwart Christi in Brot und Wein
zweifelte, in der Grotte der hl. Christina die Messe, als er Blut aus der
Hostie quellen und das Unterlagentuch (Korporale) benetzt sah. Mit diesem
Wunder soll die päpstliche Bulle Transiturus (Verwandlung) von Urban dem IV. in
Verbindung stehen, der das Fronleichnamsfest einführte. Von der Kapelle kommt man in die Katakombe
der hl. Christina, in der in einem kostbaren Ziborium (baldachinartiger
Altarüberbau) ein Steinblock mit den Fußabdrücken der hl. Christina aufbewahrt
wird.
Abendstimmung am Yachthafen von Bolsena
Voller
Eindrücke verlassen wir die Kirche, gehen ans Seeufer, betrachten den
Sonnen-untergang und schließen den Tag mit einem guten Fischessen in einer
kleinen Trattoria ab.
Fazit des Tages:
Es kann sich auch mal lohnen einen Umweg zu machen.
7. Tag: Samstag, der
19. Mai ist Ruhetag
Da wir von den fürsorglichen Schwestern so gut aufgenommen wurden,
beschließen wir, heute einen Ruhetag einzulegen. Wir schlafen uns erstmal
richtig aus und gehen gegen 9 Uhr hinunter in den Speisesaal. Das Frühstück ist
schon hergerichtet. Keine Schwester ist weit und breit zu sehen. Lustig finden
wir einen riesigen Kaffeeautomaten, der nur mit 50 Cent - Münzen zu bedienen
ist. Das Geld muss man aber nicht aus eigener Tasche berappen, sondern auf dem
Tisch neben dem Automaten steht ein Karton mit vielen Münzen, aus dem man sich
bedienen kann. Wir frühstücken ausgiebig und genießen die Ruhe. Etwas später
kommt noch eine allein reisende, etwa 70 Jahre alte Frau aus Erding hinzu. Von
ihr erfahren wir von einem tragischen Unglück am Vortag. Ein deutscher Tourist
war mit seinen zwei Söhnen mit dem Boot auf den See hinausgefahren. Seine Frau
mit dem Baby blieb am Ufer zurück. Als nach einer halben Stunde die Frau das
Boot nicht mehr sah, alarmierte sie die Polizei. Trotz sofort eingeleiteter
Suchaktion mit Hubschrauber und Motorbooten konnten die Rettungskräfte die
beiden, nur mit Schwimmärmel ausgerüsteten Buben im Alter von 4 und 5 Jahren,
nur noch tot bergen. Wieder-belebungsversuche blieben erfolglos. Den Vater
konnten sie trotz Einsatz von Polizei- und Armeetauchern sowohl am Tag des
Unfalles, als auch am nächsten Tag nicht mehr finden. Das Boot muss
aufgrund von Sturmböen gekentert sein. Welch eine Tragödie für die
überlebenden Familien- angehörigen. Im ganzen Ort macht sich eine bedrückte
Stimmung breit.
Nach dem Frühstück will Ursel gleich Wäsche waschen und auf der
Dachterrasse aufhängen. Ich setze mich derweil unten neben unserem Haus an
einen Tisch vor der kleinen Kaffeebar und genieße bei einen „Campari con Soda"
den noch ruhigen Samstagvormittag. Nach geraumer Zeit ruft Ursel vom Fenster
herunter, ich möge zu ihr raufkommen. Als ich oben ankomme, wird gerade eine
Wunde an ihrem rechten Schienbein von Schwester Giovanna ganz fürsorglich
versorgt. Ursel war beim Betreten der Dachterrasse, den Wäschekorb in der
rechten, eine Brotzeitbüchse in der linken Hand, über eine Stufe gestolpert und
fiel auf die eiserne Schwelle der Tür. Neben der Schürfwunde am Schienbein bekam
sie unterhalb vom Knie eine Beule, so
groß wie ein Knödel. Schwester Stefanie steht daneben und zitterte am ganzen
Körper, bringt dann aber unserer Patientin ein Glas Wasser. Obwohl die
Schwestern nur Italienisch und Französisch sprechen, verstehen wir uns sehr gut
mit ihnen.
Nach geraumer Zeit ruft Ursel vom Fenster herunter....
Dank der guten medizinischen Betreuung ist Ursel nach einer Stunde Ruhe
wieder soweit, dass wir unseren geplanten Altstadtbummel durch die gepflegten
Gassen bis hinauf zur mittelalterlichen Burg antreten können. Zum Schluss
kaufen wir Brot, Schinken, Käse (Pecorino), eine Flasche Wein (Est,Est,Est!)
und eine Süddeutsche Zeitung und ziehen uns ins Kloster zum Mittagessen zurück.
Morgen ist hier Erstkommunion. Deshalb entwickelt sich im und ums Haus
hektisches Treiben. Es wird geputzt und mit den Kindern das Aufstellen im Haus
und das Hinübergehen zum Dom geprobt. Bei italienischen Kindern geht das Ganze
etwas lebendiger, um nicht zu sagen lauter zu als z.B. bei uns in Bayern.
Wir ziehen uns zurück in den wunderschönen Klostergarten, genießen die Ruhe
und das schöne Wetter mit lesen oder Tagebuch schreiben. Auch hier werden wir
von Schwester Stefanie mit einem Körbchen frischer Erdbeeren verwöhnt. Während
Ursel ihr Bein noch schonen will, gehe ich zum See. Am Yachthafen sehe ich ein
großes Polizeiaufgebot, die immer noch den vermissten deutschen Vater suchen.
Ein halbes Dutzend TV-Übertragungswägen und eine unübersehbare Zahl von
Reportern und Kameramännern stehen umher, die einzelne Uniformierte befragen
und wohl wie alle Umstehenden auf die erlösende und gleichzeitig
bedrückende Nachricht „Wir haben ihn
gefunden" warten. Ich gehe mit großer Traurigkeit im Herzen zum Kloster zurück.
Am späten Nachmittag lernen wir eine Schweizerin kennen, die einen
Geschenk-artikelladen betreibt. Sie erzählte uns Näheres über die
Unglücksumstände und dass der Vater auch am zweiten Tag nicht gefunden wurde.
Am Abend gehen
wir in die Maiandacht und beten für die vom Unglück so hart getroffene Familie.
Mit einem Abendspaziergang beschließen wir unseren Ruhetag.
Fazit des Tages: Ein Unglück kommt selten allein.
8. Tag: Bolsena -
Montefiascone - Viterbo - San Martino al
Cimino (47 km)
Herzliche Verabschiedung durch die Schwestern
von Santa Sacramento
Der Tag fängt nicht sonderlich gut an.
Nach einer herzlichen
Verabschiedung durch die Schwestern von S. Sacramento verlassen wir Bolsena und
wollen kurz hinter der Stadt die im Reiseführer beschriebene antike
Konsularstraße „Cassia" finden. Sie soll noch in Teilen die alte Pflasterung
aus großen Basaltsteinen aufweisen. Wir zweigen von der Hauptstraße links ab
und versuchen der Beschilderung zu folgen. Zwischendrin gelangen wir auf eine
sehr steil abfallende Schotterpiste. In einer Linkskurve auf lockerem, grobem
Schotter kommt es zu meinem ersten Sturz auf dieser Fahrt. Ich schlage mir das
Knie auf und wir beschließen, unsere Suche nach der antiken Cassia aufzugeben
und der neuen asphaltierten SS Cassia wieder zuzustreben.
Als nächsten
Ort erreichen wir Montefiascone, hoch
über dem See von Bolsena gelegen. Zuvor führt die Straße an der Kirche S. Flaviano vorbei, die aus einer Ober-
und Unterkirche besteht und wegen ihrer komplexen Baustruktur, ihres Stils und
ihrer Ikonographie als eine der bedeutendsten
Kirchen in Latium anzusehen ist.
Auf der Piazza Vitttorio Emanuele in
Montefiascone
In einer Seitenkapelle befindet sich der Grabstein des Bischofs Johann
Fugger aus Augsburg, der im Jahr 1100 im Gefolge Kaiser Heinrich V. nach Rom
reiste. Da er ein großer Weinliebhaber war, schickte er auf seiner Rückreise
von Rom seinen Diener Martin einige Tagesreisen voraus mit dem Auftrag, für ihn
jeweils eine gute Unterkunft zu besorgen, was soviel bedeutete, wie eine
Gaststätte mit gutem Wein ausfindig zu machen. Er hatte an jede Taverne, die
guten Wein ausschenkte, mit Kreide das Wort EST zu schreiben, ein besonders
guter Tropfen war mit EST EST zu kennzeichnen. In Montefiascone fand der Diener
den Wein so gut, dass er EST! EST!! EST!!! an die Tür schrieb. Fugger war vom
hiesigen Rebensaft ebenfalls so begeistert, dass er in Montefiascone blieb und
hier auch starb.
Auf dem Weg hinauf zum älteren Teil der Stadt spricht uns ein Italiener auf
Deutsch an. Er handle mit biologischen landwirt-schaftlichen Produkten und
komme oft nach Bayern, vor allem nach Nürnberg. Er schwärmt regelrecht von
Bayern und meint, dass dort alles besser sei als hier, was wir nicht so
uneingeschränkt stehen lassen wollen. Plötzlich geht er zu seinem Auto und
kommt mit einer Flasche bestem Olivenöl zurück, das er Ursel als Geschenk in
die Hand drückt. Hoch erfreut über die Freundlichkeit des Mannes ziehen wir
weiter der Altstadt entgegen.
Auf der Piazza
Vittorio Emanuele lassen wir unsere
Räder stehen und gehen zu Fuß weiter durch das alte Stadttor hinauf zur Festung
Rocca die Papa. Sie war eine
Rückzugsmöglichkeit für die Päpste, die der gefährlichen Stadt Rom entfliehen
mussten, und schließlich die letzte italienische Wohnstätte des Papstes vor dem
avignonischen Exil.
Ein beherrschender Blick von der päpstlichen Burg über den See
Von hier oben haben wir eine herrliche Rundumsicht über das Land und den
See. Beim Abstieg von der Burg kommen wir an der romanischen Kirche Sant'Andrea vorbei. Ihre Ostseite
(Apsisseite) ist zugleich Teil der alten Stadtmauer. Im Innern beeindrucken uns
die schönen Säulenkapitelle mit ihren Laub- und Tierfigurationen.
Wir verlassen
noch vor Mittag wieder die Stadt und fahren südwärts in Richtung Viterbo. Wir
kommen am Berg Lugo vorbei, dort - so lesen wir - waren früher die Galgen für
jene Räuber aufgestellt, die sich erdreisteten, Pilger auf den Weg nach Rom
auszurauben. Weiter geht es abwärts, dann eben durch fruchtbares Ackerland. Der
markierte Feldweg führt uns nach kurzer Zeit zu der Thermalquelle von Bagnaccio. Sie verfügt über fünf Becken
und liegt frei zugänglich am Wegesrand. Da heute Sonntag ist, sind relativ
viele Menschen aus der näheren Umgebung hier.
Mitten in der Ebene vor Viterbo kommen wir an der frei zugänglichen Therme
von Bagnaccio vorbei
Wir finden noch einen freien Platz an einem der festen Holztische unter
einem schattenspendenden Feigenbaum und leisten uns eine ausgiebige
Mittagspause. Uns gegenüber sitzt ein netter Herr in unserem Alter aus Viterbo
mit seiner Enkelin. Das Mädchen überlässt uns ein großes Stück von ihrem
Nudel-Gemüse-Omelett. Wir dagegen können nur mit frischem Brot, Öl, Käse und
Oliven aufwarten.
Die Stadt Viterbo betreten wir durch die Porta Fiorontina. Da gerade
Nachmittags-Kaffeezeit ist, lassen wir uns in einer Eisdiele an der Piazza dei Caduti nieder. Ursel bestellt sich einen Bananensplit und
ich einen Cappuccino. Dort treffen wir auf eine lebhafte Gruppe von 6
italienischer Fußpilger, die wir später noch zweimal treffen werden. Da wir
noch hinauf nach San Martino wollen, fällt der Stadtbesuch nur kurz aus. Wir
radeln durch die schönen sauberen Gassen, über
die prächtige Piazza San
Pellegrino mit dem Palazzo Priori.
Hier imponiert mich der 44 Meter hohe, schlanke Uhrturm Torre
dell' Orologio aus dem Jahre 1487. Weiter geht's zur im 12. Jh. auf den
Resten eines römischen Herkules-Tempels erbauten Kathedrale von San Lorenzo. Daneben steht der gotische Papstpalast, der zwischen 1255 und 1266
erbaut wurde.
Die Loggia des Papstpalastes in Viterbo
Von der Loggia des Palastes aus segneten die neugewählten Päpste das Volk.
Von hier aus richtete Papst Clemens IV. den Bannstrahl auf den letzten
Hohenstaufner Konradin.
Wir verlassen wieder die Stadt durch die Porta Romana und kämpfen uns die 7 km hinauf zum Dorf San Martino al Cimino, das um eine alte
Abtei herum entstand, welche am Anfang des 13. Jh. von einer
Zisterzienser-Gemeinschaft aus dem französischen Pontigny übernommen wurde. Aus
dieser Zeit stammt die große Abteikirche, die den Ort beherrscht. Der auf mich feierlich-ernst wirkende
dreischiffige Innenraum der Kirche besticht besonders eindrucksvoll durch die
tiefe Apsis, die ihr Licht von zwei übereinander liegenden Reihen einbogiger
Fenster bezieht.
Wir finden unterhalb der
Abteikirche eine schöne Unterkunft (Bed
& Breakfast) in dem von einem deutschen Kardinal erbauten Palazzo mit den
hier untypischen Namen „Widman".
Unsere Unterkunft in San Martino ist ein Palazzo mit den Namen Widman
Wir beziehen
unser schönes Zimmer, machen uns frisch und gehen in eine vom Hausherrn
empfohlene Pizzeria. Fröhlich gelaunt
vom gut verlaufenen Sonntag und dem ausgezeichneten Abendessen, treten wir
gegen 22 Uhr unseren Heimweg zum Palazzo an.
Fazit des Tages: Es ist ein beruhigendes Gefühl in
unserer Zeit keine Wegelagerer mehr zu begegnen.
9. Tag: San Martino al Cimino - Ronciglione -
Capránica - Sutri (33 km)
Das
"Breakfast" hält nicht, was der Name verspricht. Es gibt zum Cafè-Latte nur
typisch italienisches, süßes Gebäck. So kaufen wir im nächsten „Alimentari"
(Lebensmittelgeschäft) ordentlich ein und ziehen zum oberen Stadttor hinaus.
Dort treffen wir ein Schweizer Pilgerpaar wieder, das wir bereits hinter
Bolsena kennengelernt hatten. Sie wollen den gleichen Weg wie wir, entlang des Lago di Vico nach Ronciglione gehen. Der 3 km lange Weg hinauf zum ehemaligen
Kraterrand des Vico-Sees ist so steil, dass wir unsere Räder schieben müssen.
Ein Schwabe mittleren Alters mit einem bestens ausgestatteten Mountain-Bike,
gesellt sich zu uns. Er ist am Bodensee gestartet und will noch bis Sizilien
fahren. Wir bringen unsere volle Bewunderung für seine Unternehmung zum
Ausdruck, vielleicht auch deswegen, weil uns der Berg gerade viel Kraft
abverlangte. Nach überwinden des Kraterrandes werden wir für unsere Mühen
reichlich belohnt. Eine einmalig schöne Landschaft liegt vor uns. Das lichte
Grün der herrlichen Eichen- und Buchenwälder begleiten unseren weiteren Weg,
immer leicht abwärts, bis wir an der südlichen Uferseite des Sees unten
ankommen. Dort suchen wir uns ein schönes Plätzchen am Sandstrand und
genehmigen uns eine gute Stunde Rast unter einem schattenspendenden Baum.
Blick vom südlichen Ufer des Lago di Vico auf
die Monti Cimini
Da unser Frühstück nicht allzu üppig ausgefallen ist, genehmigen wir uns
hier eine ausgiebige „Brotzeit". Nur gibt es statt Bier einen guten Schluck
Vino bianco. Dabei streifen unsere Blicke über den kleinen See auf die
Cimini-Berge mit ihren von blaugrün zu hellgrün wechselnden, bewaldeten Hängen.
Auch eine junge, hübsche Italienerin, die sich direkt am Wasser zum Sonnen
niederließ, ist schön anzuschauen.
Wir verlassen den See an der tiefsten Senke des Kraterrandes, die sicher
einmal zur aktiven Zeit des Vulkans der Lava-Ausfluss gewesen sein muss, und
fahren nach Ronciglione. Doch
verlassen wir gleich wieder die lärmende und auf uns unfreundlich wirkende
Stadt, die mit ihren abblätternden Fassaden und dunklen Tuffsteinmauern einen
armseligen Eindruck auf uns macht.
So wenden wir uns dem Städtchen Capránica zu. Wir kommen vorbei an
riesigen Haselnussplantagen und ich denke mir beim leichten Bergauf- und
Bergabfahren, vielleicht ist es das letzte ruhige Straßenstück vor Rom.
Unmittelbar
vor der Brücke über den Graben, der mit der Stadtmauer die Altstadt von
Capránica umzingelt, lassen wir uns in einem Straßencafè nieder und genießen
unseren inzwischen lieb gewonnenen Cappuccino, der nur 1,75 € kostet. Hier an
der Bar treffen wir die italienische Pilgergruppe wieder, die wir gestern in
Viterbo und heute Vormittag in den Cimini-Bergen getroffen haben und werden mit
einem „Salve pellegrini" begrüßt.
In der Altstadt fällt uns der schlechte bauliche Zustand der Gebäude auf.
Insgesamt haben wir den Eindruck, dass die Region von der Regierung in Rom
vernachlässigt wird. Selbst die vielen Katzen sind magerer als anderswo.
Von Capránica nach Sutri sind es nur noch 6 km, die wir auf der
Staatsstraße zurücklegen. Kurz vor Sutri gelangen wir wieder auf den alten
Frankenweg, den wir in Viterbo verlassen hatten. Dicht bewachsene
Tuffsteinwände flankieren das Tal.
Zwischen
Bäumen taucht die Altstadt von Sutri mit den eng um die Kathedrale gedrängten Häusern auf. Die noch sichtbaren
Besiedelungsspuren gehen bis in die etruskische Zeit zurück. Im Mittelalter war
der Ort das größte und wichtigste Etappenziel vor Rom. Bedeutend ist die
Kathedrale di Santa Maria Assunta
romanischen Ursprungs, später barockisiert mit ihrem mächtigen Campanile von 1207 und der Krypta aus
langobardischer Zeit. Die Pilgerspittäler standen unterhalb der Stadt an der
Via Cassia. Hier finden wir auch die kleine Kirche Santa Maria del Parto, hinein gebaut in eine der ursprünglichen, in
den Tuffstein gehauenen etruskischen Kammergräber. Bereits in der römischen
Kaiserzeit soll sie als Mithrastempel genutzt worden sein. Leider ist die außergewöhnliche Kirche bei unserem
Besuch geschlossen.
Die Altstadt von Sutri thront auf einem Tuffsteinfelsen. Bereits seit der
Römerzeit führt unten an ihr die Via Cassia vorbei.
König Heinrich III. wollte sich im Jahre 1046 vom Papst zum Kaiser krönen
lassen. Er zog deshalb mit seinem Gefolge über die Alpen nach Rom. Doch in Rom
hatten sich drei Päpste gegenseitig das Petrusamt streitig gemacht. Als König
Heinrich kurz vor Weihnachten in Sutri, der letzten Station vor Rom, ankam,
wollte er ein Machtwort sprechen. So rief er in Sutri die Bischöfe der Kirche
zu einer Synode zusammen, in der die kirchlichen Verhältnisse neu geordnet
wurden. Die drei Päpste wurden von Heinrich von hier aus zum Amtsverzicht
bewegt bzw. abgesetzt. An ihre Stelle ließ er einen Bischof Suidger aus Bamberg
zum Papst wählen und sich von diesem am Weihnachtstag die Kaiserkrone
aufsetzen. Suidger von Bamberg, der als Clemens II. den Papstthron bestieg, war
der erste von sechs deutschen Päpsten in Folge, denen es schließlich gelang,
die Verhältnisse in Rom gründlich zu reformieren.
Auf der Piazza
del Comune lassen wir uns in dem einzigen, dort befindlichen Straßencafé nieder
und beobachten das unaufgeregte Treiben der Einheimischen bei einem Glas
Campari. Die schweizer Pilgerin, die wir mit ihrem Mann bereits am Vortag
hinter Bolsena und heute früh in San Martino getroffen hatten, kommt leicht
humpelnd über den Platz auf uns zu. Wir bitten sie an unserem Tisch Platz zu
nehmen. Sie war das letzte Stück wegen ihrer Blasen am Fuß mit dem Bus gefahren.
Wir nehmen uns die Zeit für eine ausgedehnte Unterhaltung und tauschen unsere
bisher auf der Pilgertour gemachten Erfahrungen aus. Nach ca. 1 ½ Stunden
trifft auch ihr Mann ein. Er hat einen
Gewaltmarsch von fast 30 km über den Monte Fogliano (965 m) hinter sich gebracht. Mit leichtem
Stolz zeigt er uns seine perfekte Globetrotter-Ausrüstung. Beeindruckt haben
mich seine Photovoltaik-Zellen auf dem Rucksack, mit denen er die Akkus seines
Rasierapparats auflädt. Anschließend
machen wir uns auf die Quartiersuche. Während das schweizer Ehepaar das einzige
Hotel im Ort ansteuert, wollen wir in einer der beiden Pilgerunterkünfte
übernachten. Nach anfänglichen hin und her, ob bei den Franziskanern oder den
Karmeliterinnen in Klausur, entschließen wir uns wegen der ortsnahen Lage für
die letztere der beiden Möglichkeiten.
Wegen einer
Baustelle ist erstens die unscheinbare Klosterpforte schwer zu finden. Endlich
gefunden, fällt uns zweitens die Verständigung mit der Klosterschwester hinter
einem Holzgitter schwer. Drittens finden wir schließlich nach Bezahlen von 36 €
ein sehr einfaches Nachtlager vor. Es ist ein kleiner, muffig riechender Raum
in einem sehr alten Haus außerhalb der Klostermauern. Da im Zimmer nur ein
Waschbecken mit kaltem Wasser vorhanden ist, gestaltet sich unser Frischmachen
und das Waschen der durchgeschwitzten Trikots nicht so leicht wie sonst. Ich
fühle mich an meine harte Kindheit in den Nachkriegsjahren erinnert. Doch mit
Ursels Waschlappen geht dann die Körperreinigung doch recht gut vonstatten. Inzwischen ist das
Zimmer gut durchlüftet und wir können zu einem kleinen Stadtbummel aufbrechen.
Am Ende unseres Rundgangs treffen wir uns mit den Schweizern auf der Piazza zu
einem Glas Wein. Den Tag schließen wir gemeinsam in einer benachbarten
Trattoria mit einem mehrgängigen Abendessen und mit viel gutem Weißwein ab.
Fazit des Tages: man braucht keinen Luxus. Der
innere Reichtum drückt sich in Lebensfreude aus.
10. Tag: Sutri - Lago
di Bracciano - La Storta (46 km)
Das Frühstück, das wir an einem kleinen bereitgestellten Tisch vor der
düsteren Pforte des Klosters einnehmen, nimmt sich mit etwas Zwieback und
Marmelade sehr bescheiden aus. Da wir
Pilger sind, nehmen wir es widerspruchslos hin und verlassen um 7.30 Uhr die
Klosterpforte. Da unser Bargeld zur Neige geht, fahren wir nochmal auf die
Piazza zur „Provinz-Bank". Dort will ich am klapprigen Geldautomaten vor der
Bank 500 Euro abheben. Alles läuft glatt. Ich tippe auf die 500€-Taste, bekomme
nach einigen Rumpeln im Inneren des Automaten meine EC-Karte zurück, nur das
Geld kommt nicht. Unser beider Gedanke ist: jetzt wurde der Geldbetrag
abgebucht, aber die Mechanik spuckt die Geldscheine nicht aus. Wir schauen uns
um, kein Mensch weit und breit. Wir
sehen nach, wann die Bank geöffnet wird, bis 9.00 Uhr müssten wir warten. Nach
einiger Zeit des Wartens kommt der Ortspolizist und wir erklären ihm unser
Problem. Er schaut sich um, spricht mit einem Marktverkäufer und mit der
Besitzerin des angrenzenden Ledertaschengeschäfts und geht geschäftig aber
hilflos wirkend über den großen Platz ins Rathaus. Endlich kommt gegen 8.30 Uhr
eine Bankangestellte und erklärt uns, dass der Außenautomat auf 250 Euro
limitiert ist. Wir warten nicht mehr bis die Bank öffnet, sondern ziehen nur 200
Euro, da es keine 250 Euro- und keine freie Wahltaste gibt.
Anschließend kaufen wir noch Lebensmittel für den kommenden Tag ein und
hinunter geht's durch die Porta Vecchia mit
eingemauerten etruskischen und römischen Elementen auf die viel befahrene moderne
Via Cassia. Sie macht einen engen Bogen um Sutri, und die alte Stadt kann so
ihren jahrhundertelangen Schlaf fortsetzen.
Wir fahren
keine hundert Meter, da erscheint auf der rechten Seite ein vollständig aus den
Tufffelsen geschlagenes Amphitheater.
Die Arbeiten sollen im 1. Jh. v. Chr. von etruskischen Handwerkern ausgeführt
worden sein.
Das in den gewachsenen Tuff gehauene Amphitheater von Sutri
Der Wegweiser
im Zuge der Staatsstraße zeigt uns nach Rom die Entfernung von genau 50 km an.
Doch wir wollen nicht auf dieser viel befahrenen Straße bleiben und biegen
rechts nach Trevignano Romano am Lago di Bracciano ab. Zum wiederholten
Male geht es erst sanft, dann immer steiler werdend bergauf zum Kraterrand, den
Sabatiner Bergen. Diesmal sind es 8 km. Es ist eine Straße mit wenig Verkehr
und streckenweise einmalig schöner Landschaft. Durch die Nähe zu Rom ist der Lago di Bracciano mit seinem Erholungs-
und Freizeitwert mit dem Starnberger See zu vergleichen. Entsprechend ist die
Altstadt von Trevignano
herausgeputzt.
Die Uferstraße ist mit einer großkronigen Platanenallee eingesäumt, die uns
bei unserer 13 km langen Fahrt entlang des Sees ausreichend Schatten spendet.
Die Stämme der Bäume bilden mit ihren
weißgetünchten Ringen und den aufgemalten roten Herzen eine
Straßenrandmarkierung der einmaligen Art, wie sie nur den lebensfrohen
Italienern einfallen kann.
In Anguillara angekommen, finden
wir einen Spielplatz ohne Kinder auf dem wir uns um eine massive
Holztischgarnitur breit machen. Nach ausgiebiger Mahlzeit und kurzer Siesta
verlassen wir den Ort und den See und fahren das letzte Stück auf belebter
Straße, vorbei an Einkaufsmärkten, Autohäusern und sonstigen Gewerbebauten nach
La Storte. Der viele Verkehr und das Konglomerat an Bebauung kündigt uns, nicht
sichtbar aber spürbar, die Großstadt Rom an. Wir fahren das letzte Stück an
Bahngleisen entlang, dann kommt ein moderner Vorstadtbahnhof und wir lesen das
Stationsschild „La Storte". Wir biegen danach links ab, unterqueren die
Bahngleise und stoßen im Zentrum von La
Storte wieder auf die Via Cassia, dort wo sich einst die letzte Poststation
vor unserem Pilgerziel befand.
Wir wollen hier noch einmal übernachten und morgen früh die letzten 18 km
bis zum Vatikan in Angriff nehmen. Ich fische aus meinen Unterlagen die
Adressen für mögliche Übernachtungen heraus und wir entscheiden uns, in erster
Linie wegen der günstigen Lage an der Via Cassia, für das „Centro di
Spiritualità Nostra Signora del Sacro Cuore". Doch die Schwester im Empfang
will uns nicht aufnehmen, weil wir nicht angemeldet sind. Wir jedoch stellen
uns hilflos und machen sehr traurige Gesichter. Nach einigen hin und her wird die Schwester Oberin geholt, auch sie
will uns trotz vorgezeigtem Pilgerausweis abweisen. Schließlich zeige ich ihr
unser Empfehlungsschreiben von unserem Sauerlacher Pfarrer und siehe da, das
Schreiben bewirkt Wunder, wir bekommen unser Quartier, ein schönes Zimmer mit
Bad zum Preis von 25 Euro pro Person. Es ist erst 15 Uhr. Der Tag war heiß. Wir
fühlen uns durch den Verkehr und Dreck auf dem letzten Stück Landstraße
verschmutzt und verschwitzt und genießen das erste Bad auf unserer Tour in der
Wanne. Bis zum Abendessen haben wir genügend Zeit unsere Sachen zu ordnen,
Tagebuch zu schreiben und uns auszuruhen.
Zum Abendessen
servieren uns die Schwestern als Vorspeise selbst gemachte Ravioli,
anschließend gefüllte Kalbsröllchen gebraten mit Spinat und Bratkartoffeln und
zum Abschluss Obst. Dazu gibt es Wasser und Rotwein. Zu unserer Überraschung
gibt es nach dem guten Essen noch ein Glas guten, trockenen Sekt. Wie es sich
schnell herausstellt, hat die Schwester Oberin 75. Geburtstag. Da kommt Ursel
in Form und sie stimmt gleich ein Geburtstagsständchen zur Freude aller an.
Dafür bekommt jeder von uns ein Stück der Geburtstagstorte ab sowie ein zweites
Glas Sekt gereicht. An unserem Tisch sitzen noch ein italienisches Ehepaar und
ein zwanzigjähriger Duisburger sowie ein Ehepaar aus Luzern. Alle, außer mir,
haben schon mehrfache Jakobsweg-Pilgererfahrung. Und so gibt es viel zu
erzählen. Das italienische Paar und der junge Deutsche haben sich bereits zuvor
auf dem Jakobsweg kennengelernt.
Der Anschnitt der Geburtstagstorte durch die
Äbtissin
Durch die
Unterhaltung und den Wein kommen wir im Laufe des Abends gut in Stimmung. Doch
da wir alle früh aufstehen wollen, um rechtzeitig zur Papstaudienz zu gelangen,
beenden wir noch zu christlicher Stunde die Feier.
Fazit des Tages:
Gebe nie zu früh auf im Leben, wenn du erfolgreich sein willst.
11. und letzter Tag: La Storta - Vatikan / Rom
Wir verlassen
kurz vor 6 Uhr das Kloster in der Hoffnung, noch vor dem großen Berufsverkehr
in Rom anzukommen. Unsere bisherigen Erfahrungen haben uns gelehrt, dass die
Italiener im Regelfall keine Frühaufsteher sind. Doch da haben wir uns
gründlich verrechnet. Der Verkehr kann nicht mehr viel schlimmer sein. An den
Bushaltestellen stehen verschlafene, trist dreinschauende Gestalten. Nach ein
paar Kilometern überholen wir den jungen Duisburger mit dem italienischen Paar.
Sie sind eine halbe Stunde eher losgezogen. Trotz des starken Verkehrs haben
wir mit dem Weg keine Schwierigkeiten. In La
Giustiniana verlassen wir die Via Cassia und biegen rechts ab in die Via Trionfale. Ebenso wie die
Jakobspilger in der Nähe von Compostela auf dem Hügel von Monte Gozo die
Kathedrale von Santiago bewundern konnten, hatten auch die Rompilger vom Monte Mario aus den ersten Blick auf den
Petersdom. Daher wurde der Berg von den Pilgern auch „Mons Gaudii" genannt, der
Berg der Freude als Preis der langen Mühen und Entbehrungen. Leider ist die
Stelle heute sehr vernachlässigt und der Blick ist durch hochgewachsene Bäume
sehr beschränkt.
Auf dem
letzten Stück der Via Trionfale drängen sich mittelalterliche Kirchen, die wir
aber aus Zeitmangel nicht mehr besuchen. Am Ende der Straße kommen wir zum
Platz Largo Trionfale und von dort sind wir in wenigen Minuten an
der hohen Leonischen Mauer, die den heutigen Vatikanstaat umschließt. Wir
fahren die Mauer entlang, vorbei am Eingang zu den Vatikanischen Museen - dort
steht bereits kurz nach 7 Uhr eine lange Besucherschlange an - und gelangen
durch die Kolonnaden von Bernini zum noch menschenleeren Petersplatz. Gleich am
Beginn der Via della Conziliazione,
die vom Petersplatz zur Engelsburg am Tiber von Mussolini angelegt wurde,
finden wir an deren Südseite das Deutsche Pilgerbüro. Im gleichen Haus
residieren die Deutsche Bischofs-konferenz und die Salesianer mit einem
Gästehaus. Wir müssen noch eine Stunde warten, bis das Pilgerbüro öffnet. Die
Zeit können wir aber im schönen, mit Pflanzen und Blumen gestalteten, kühlen
Innenhof auf bequemen Polstersitzen mit Lesen vertreiben. Kurz nach 9 Uhr
erlaubt uns eine sehr nette, hilfreiche junge Frau aus dem Pilgerbüro das
Abstellen unserer Räder im Sitzungssaal und händigt uns die roten
Eintrittskarten für die heutige Papstaudienz aus. Wir kommen zurück auf den
Petersplatz und sehen unendliche Menschenmassen auf den Platz strömen. Etwa zu
einem Viertel hat sich der riesige Platz bereits gefüllt. Da wir keine Taschen
dabei haben, kommen wir relativ schnell durch die Sicherheitsschleusen.
Menschenmassen strömen zur Papstaudienz auf den
Petersplatz
Der ganze Platz ist mit hölzernen Zäunen in große Rechtecke eingeteilt, die
nach und nach mit den Besuchern aus aller Welt mit Hilfe von Platzanweisern
gefüllt werden. Es läuft alles recht reibungslos und trotzdem herrscht unter
den Besuchern unverständliche Hektik. Wir finden im vorderen Drittel in der
Nähe der mittleren Hauptauffahrt zwei freie Plätze auf Plastikstühlen zwischen
einer amerikanischen Familie und einer Gruppe aus Parma, die alles genau über
unsere zurückgelegte Pilgerreise wissen wollen. Dann heißt es über eine Stunde
warten in sengender Sonne. Zwischendurch geht eine Hiobsbotschaft um, der Papst
käme gar nicht, er sei noch nicht von seiner Brasilienreise zurück. Zu allem
Überfluss sitzt hinter mir ein Asiate, der ununterbrochen in mein Genick
niest mit der Folge, dass ich angesteckt
werde und drei Stunden später einen ordentlichen Schnupfen verspüre.
Endlich kommt Bewegung in die wartende Menge. Nach wenigen Minuten fährt
unser Papst Benedikt segnend in seinem Papamobil an uns vorbei, begleitet von
seinem Sekretär Prälat Georg Gänswein.
Die Emotionen
sind groß. Die Menschen jubeln, schreien und applaudieren. Viele können nicht
nah genug sein und drängen sich an uns vorbei. Einige springen auf die Stühle.
Den dahinter Sitzenden bleibt nichts anderes übrig, als es ihnen nachzumachen.
Papst Benedikt bei seiner Audienz auf dem
Petersplatz am 23.05.2007
Unsere italienischen Nachbarn halten dem Papst Fotos ihrer Kinder entgegen
und halten über Handy Kontakt mit ihnen, damit sie auf diese Weise diesen für
sie historischen Moment miterleben können.
Nachdem Papst Benedikt auf der Tribüne vor der Domfassade angekommen ist,
begrüßt er die Pilger in sieben Sprachen. Anschließend begrüßen Kleriker in
Vertretung der einzelnen Sprachgemeinschaften den Papst und nennen die größeren
anwesenden Gruppen aus ihrem Land, was mit lautem Gejohle beantwortet wird. Wir
finden es schade, dass von den echten Pilgern keine Notiz genommen wird. Die
Audienz wird sehr langatmig dadurch, dass der Papst noch über die Eindrücke
seiner Brasilienreise berichtet und das Ganze natürlich nochmal in sieben
Sprachen. Unser italienischer Nachbar, der anfänglich so emotional reagierte,
hat inzwischen seine Sportzeitung hervorgeholt. Als dann noch die Ehrengäste
begrüßt werden und seinen Segen empfangen, kehren wir zum Pilgerbüro zurück.
Die freundliche Angestellte erklärt uns, wie wir es anstellen müssen, um im
Vatikan die Pilgerurkunde Testimonium
Peregrinationis Peractae Ad Limina Petri zu bekommen und drückt uns den
letzten Stempel in unsere Pilgerausweise hinein. Im weiteren Gespräch erfahren
wir, dass unser Pfarrer, Monsignore
Wolfgang Bòuche aus Altkirchen dort gut bekannt ist. Anschließend suchen
wir ergebnislos in umliegenden Souvenirgeschäften nach einer Keramikkachel mit
dem Symbol der Via Francigena.
Um die Pilgerurkunde zu bekommen, müssen wir in die Sakristei des
Petersdomes im linken Querschiff nach Don
Bruno Vercesi fragen. Also gehen wir wieder zum Petersdom und müssen uns in
einer endlos erscheinenden Schlange, die bis zum Ende der rechten Kolonnade
reicht, anstellen. Wir passieren abermals die Sicherheitsschleuse, gehen durch
das Hauptschiff des Domes, das von Touristen bevölkert ist, die sich teilweise
sehr respektlos benehmen, zur Sakristei. Von dort werden wir um die Kirche zu
einem Gebäude neben den Deutschen Friedhof geschickt, wo man uns erklärt, dass
heute Don B. Vercesi nicht zu sprechen ist. Wir kommen unmittelbar am Eingang
des Petrusgrabes vorbei, werden jedoch nicht hineingelassen, sondern sollen
nochmal über die Sicherheitsschleuse vom Dom hierher zurückkommen, was
nochmaliges stundenlanges Anstehen bedeuten würde. Das ist uns zu viel und wir
verlassen verärgert den Vatikanstaat, nachdem wir auch beim Vorbeigehen im
vatikanischen Ufficio per la assistenza
dei pellegrini (Büro zur Unterstützung der Pilger) keinerlei Hilfe für
unsere Anliegen finden. Unser Ärger weicht einem unendlichen Gefühl von
Traurigkeit, weil sich hier offenbar niemand um die wahren Pilger kümmert. Ich
muss unwillkürlich an den Rompilger Martin Luther denken, der seinerzeit vom
unchristlichen Treiben der Menschen im Zentrum der Christenheit enttäuscht war.
Mit einem unzufriedenen Gefühl im Bauch verlassen wir den Petersplatz und
fahren quer durch ganz Rom zu unserer bestellten Herberge beim Deutschen Orden. Schwester Wilhelmine
nimmt uns sehr freundlich auf und wir bleiben dort noch fünf Tage bis wir nach
München zurück fliegen.
Mit
öffentlichen Verkehrsmitteln durchstreifen wir in den fünf Tagen die Stadt,
besuchen u.a. die Grabstätte des hl. Apostel Paulus in der Patriarchalbasilika San Paolo fuori le Mura (St. Paul vor den Mauern)
und können uns doch noch beim dritten Anlauf bei Don Bruno Vercesi ins
Pilgerbuch eintragen und erhalten die Pilgerurkunden.
Ursel mit der Pilgerurkunde in den Händen vor der Pietà von Michelangelo im
Petersdom
So sind wir versöhnt, denken aber zurückblickend an die Schönheiten der
Natur, die Begegnungen mit den Menschen und das Radeln durch die bezaubernden
Landschaften von Toskana und Latium. Jeder Kilometer und jede Mühe haben sich
gelohnt, auch wenn am Ziel sich am Ende eine gewisse Ernüchterung breitgemacht
hat.
So lautet das letzte Fazit
unserer Pilgerreise:
„Der Weg war unser Ziel"
Sauerlach im Sommer 2007
Gerald Bretfeld
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Vienna, Austria
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Temp:
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-1°C
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Wind Chill:
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-3°C
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Humidity:
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88%
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